Interview mit Peaches
Interview mit Peaches

Wir haben Peaches vor ihrem Konzert letzten Samstag im Dachstock Bern getroffen und mit ihr über Gender, Trump, Zensur und alles mögliche gesprochen. Von Judith Affolter

Hi Peaches!

Glaubst du an den Unterschied zwischen den Geschlechtern?

Ich glaube es gibt viele Unterschiede zwischen uns allen, und jedes einzelne Individuum sollte seine eigene, richtige Kombination finden, mit der man glücklich ist.

 

Was bedeutet Feminismus für dich?

Lass uns von "intersectional feminism" sprechen, statt vom überholten Begriff Feminismus, er beinhaltet eigentlich nur weissen Feminismus aus dem Norden und Westen. Vielleicht gibt's mittlerweile sogar einen neueren Begriff, ich würde sonst vorschlagen es einfach "pussy grabs back" zu nennen (lacht). Erinnert mich grad an den Hashtag, der zum Boykott von Ivanka Trump's Modelabel aufruft, "Grab your wallets". Ihr Label sollte paradoxerweise für ermächtigte, unabhängige Frauen stehen. Sie verlor ja leider kein Sterbenswörtchen zu Trump's Frauenanfeindungen, kein Statement während des ganzen Wahlkampfs…

 

Können wir ein neues Album von dir erwarten, das du Trump widmest?

Analog zu deinem Album "Impeach my Bush" von 2006?

Nein ich möchte am liebsten gar nichts mehr von ihm hören, seinen Namen nicht mehr hören. Bush war passend da es ein witziges Pussy-Wortspiel war. Aber Trump… Nein es macht mich ganz krank dass er omnipräsent ist, und Geschenke zu erhalten, z.B. T-Shirts mit dem Slogan "Fuck Trump" oder Bilder von Trump mit einem grossen aufgemalten Penis im Gesicht. Es amüsiert mich nicht, und ich trage bestimmt kein T-Shirt wo er drauf ist.

 

Kannst du deine Show überall so auf der Welt aufführen oder musst du sie in gewissen Ländern an konservativere Standards anpassen?

Ich finde es sehr aufregend in konservativeren Gegenden zu spielen. Ich habe mal in China ein Konzert gegeben für welches ich vorab, wie üblich in China, eine Liste der Lyrics für die chinesische Zensurbehörde einreichen musste. In China darf ja z.B. Bob Dylan seinen Song "The Times They Are A-Changin' " nicht singen. Jedenfalls mussten die chinesischen Konzertveranstalter meine Lyrics ändern und in abgeschwächter Form nochmals präsentieren, sodass ich einreisen durfte. Aus "Fuck the pain away" wurde z.B. "Laugh the pain away" usw. (lacht). Aber ich habe meine Songs natürlich dennoch in Originalversion gesungen.

 

Bist du nie in Troubles geraten aufgrund deiner provokativen Shows?

Dochdoch als ich mal Vorband von Queens of the Stone Age war und mit einem grossen Dildo auftrat, wollten sie mich verhaften, wegen Unzüchtigkeit. Und das in Kalifornien! Und einmal spielte ich in Singapur, wo keine Medien davon erfahren durften. Sie luden die Queer und Art Community ein und Leute die mich sehen wollten, und schlossen dann die Türen ab und alles fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Und als ich an der "Freaky Summer Party" in Minsk spielte, gab's jede Menge Wachen, die die Künstler kontrollierten. Aber sie verstanden meine Texte nicht, also musste ich mir keine Sorgen machen... Solche Dinge, aber ernsthafte Schwierigkeiten gab's nie.

 

Wie radikal muss man sein um etwas zu verändern oder um gehört zu werden?

Wenn man zu radikal ist, hören die Leute nicht mehr zu. Meine Strategie ist Humor, und Leute dazu zu bringen zu relaxen, sodass sich niemand augeschlossen fühlt. Und es nicht als was Fremdes, Radikales zu betrachten. Ich selber finde nicht radikal was ich mache, ich finde es menschlich und real. Mich ärgert's dass es als derart anstössig gilt, weshalb sollte das so sein? Meine Kernaussauge die sich durch alle Alben zieht ist dass sich die Leute in ihrem Körper wohl fühlen sollen. Sei wer du sein möchtest. Das ist nichts Simples, das kann ein ganzes Leben dauern. Und viele Leute checken das nicht und erreichen es auch nie, haben zu sehr Angst. Die Message "Fühl dich wohl in deinem Körper" rüberzubringen ist mir echt wichtig.

 

Gab's ein Schlüsselmoment in deinem Leben der dich zu dieser 'Mission' bewegte?

Als Kind war meine beste Freundin Transgender. Sie sagte mir sie lebt im Körper eines Mädchens aber sie ist kein Mädchen. Sie hatte später eine Geschlechtsumwandlung. Es prägte mich auf jeden Fall, schon früh zu erfahren wie zentral es ist sich im eigenen Körper wohl zu fühlen. Und das ist kein Trend oder so was. Aber generell war ich immer sehr kritisch und hinterfragte alle möglichen Stereotypen und Regeln. Weshalb haben wir diese Beautycontests, und weshalb haben wir TV-Shows die immer genau so und so aufgebaut sind.

 

Was hörst du dir in letzter Zeit häufig an?

Naja auf Tournee meist ruhige Musik, zum Abschalten. In letzter Zeit höre ich viel Cat Power, das Album "You Are Free". Jetzt auch wieder viel Leonard Cohen, seine Musik war einfach immer grossartig. Und ich liebe z.B. Kraftwerk über alles, die Musik hat eine wunderbar beruhigende Wirkung auf mich. Auch Abra hab ich angefangen zu hören, v.a. die neue EP "Vegas", ich liebe ihre Stimme.

 

Du bist vor ein paar Tagen 50 Jahre alt geworden: Was bedeutet Altern für dich?

Spricht dein Song "I Mean Something" (..– no matter how old, how young, how sick..) v.a. das Altern an.

Der Song ist mehr meiner Schwester gewidmet, sie ist 3 Jahre älter als ich und hat Multiple Sklerose. Sie hat aufgehört zu Laufen als ich angefangen habe als Peaches zu performen, etwa vor 16 Jahren. Sie ist ein grossartiger Mensch, und wird leider nicht mehr in Genuss vieler unsrer Privilegien kommen. Sie grüsst alle nett auf der Strasse wenn sie auf ihrem Rollstuhl fährt, und die Leute kucken sie teils komisch an als sei sie verrückt. Aber das ist sie nicht, 'she means something', wie alle anderen auch. 50 Jahre alt zu sein fühlt sich gut an, ich spüre ich habe eine Menge Lebenserfahrung und Wissensschatz durch mein Alter. Viele könnens kaum glauben, "wooow du bist echt 50?!", aber ich fühle mich wohl.

 

Wo siehst du dich mit 70 Jahren?

Haha! Keine Ahnung, ich werde mich an Yoko Ono halten.

 

Vielen Dank, Peaches!

Dienstag, 22. November 2016 | judith